“Weltwissen statt Bulimie-Lernen”

 

Jimena Ceño, Schülerin der 11b, hat mit ihrer Kolumne “Weltwissen statt Bulimie-Lernen” den Schreibwettbewerb der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) für die Ausgabe 01/2018 gewonnen.  Hier ihr Gewinnertext. 

Ich habe, wie fast alle Schüler Deutschlands, die Hälfte meines bisherigen Lebens in der Schule verbracht. Über 175 Schultage habe ich jährlich, circa 25 Klassenarbeiten, 9 Lektüren, unzählbare Tests, mindestens 10 Präsentationen, meist tägliche Hausaufgaben und dazu noch Wirtschaftsunterricht, Vorbereitungsunterricht für das Cambridge Zertifikat und gegebenenfalls auch Nachhilfe. Dabei zähle ich schon all die außerschulischen Aktivitäten nicht mit. Ich verbringe also nahezu 2.000 Stunden pro Jahr mit Lernen. Nicht nur ich, sondern auch jeder durchschnittliche deutsche Schüler. Das Lernen hört aber nicht mit der Schule auf, denn wie heißt es so schön, frei verdreht nach Seneca: „Non scho­lae, sed vi­tae dis­ci­mus.” Doch bin ich durch das Lernen automatisch ein gebildeter Mensch?

Etwa zwei Drittel der Abiturienten nehmen ein Studium auf, über ein Viertel beginnt eine Berufsausbildung. Wir sollen Wissen erwerben, um tolle Jobs zu erhalten und somit das Wirtschaftswachstum unseres Landes anzukurbeln! Es dürfte kaum jemanden geben, der so gebildet ist wie wir. Doch Halt! – wir sind nur durchschnittliche „Gelernte“. Wir verbringen die Hälfte unseres Lebens in der Schule, nicht freiwillig, sondern verpflichtend. Doch diese Lernzeit reicht oftmals nicht mehr, um eine gebildete Person zu sein. Bei Weitem nicht! Deswegen müssen wir uns noch mehr anstrengen.

Eine erstaunlich große Zahl meiner Mitschüler weiß nicht, welche politischen Parteien in Spanien regieren, ob Großbritannien ein Königreich ist, welche Stadt die Hauptstadt Portugals ist oder aus welchem Grund es Krieg in Syrien gibt. Es interessiert sie nicht. Es betrifft sie nicht direkt. Sie sind also keine gebildeten Personen. Was in unserer Geschichte passiert ist, ist schon lange her; was außerhalb Deutschlands passiert, ist zu weit weg und unwichtig; was in der Zukunft passieren wird, werden sie sowieso nicht unbedingt miterleben. Den größten Teil von dem, was uns in der Schule gelehrt wird, vergessen sie nach der Klassenarbeit direkt wieder, das werden sie eh nie wieder brauchen. Forscher haben diesem Phänomen sogar einen Namen verliehen: Bulimie-Lernen. Das Lernen und die Schule machen uns also nicht automatisch zu gebildeten Personen, unsere Einstellung gegenüber dem Lernen aber auf jeden Fall. Frei nach Goethe: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun!”

Fächerverknüpfende Aspekte, um die Ecke denken, entdecken, forschen oder kreativ sein – all dies erweitert unseren Bildungshorizont. Und zum Glück gibt es Momente in den Tausenden von Schulstunden, in denen so etwas passiert, in denen sich mein Weltwissen vermehrt und verlinkt. 

Ich persönlich sehe mich als eine potenziell gebildete Person an. Aus einem einfachen Grund: Ich interessiere mich dafür, was stattgefunden hat, was gerade stattfindet und was in Zukunft stattfinden könnte, weltweit. Politik, Wirtschaft, Philosophie und Geschichte wecken meine Aufmerksamkeit. In meiner Freizeit lese ich historische Romane und abends schaue ich mir immer die Nachrichten an, gelegentlich auch politische Debatten. Wissen erweitert meinen Horizont! Die kontinuierliche Suche nach mehr Wissen formt mich zu einer gebildeten Person. Das hoffe ich wenigstens.

 

SURdeutsche – März 2018
SURdeutsche – Mai 2018

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